Dialoge

Forscher/innen im Fokus

Seit März 2016 vergibt die WU regelmäßig den Titel „Researcher of the Month“. Neben der Anerkennung der Forschungsleistung der Ausgezeichneten stehen vor allem interessante Ergebnisse im Mittelpunkt.

Die Themen, die an der WU beforscht werden, sind so verschieden wie die Wissenschaftler/innen, die an unserer Universität arbeiten. Viele Ergebnisse sind nicht nur wissenschaftlich herausragend, sondern auch gesellschaftlich höchst relevant. Wir holen daher jeden Monat eine/n Forscher/in vor den Vorhang und präsentieren nicht nur seine oder ihre Forschungsergebnisse, sondern zeigen auch die menschliche Seite unserer Topwissenschaftler/innen. Wir stellen hier unsere „Researchers of the Month“ des Jahres 2016 in chronologischer Reihenfolge vor.

Martin Schreier

Martin Schreier ist Leiter des Instituts für Marketing-Management am Department für Marketing.

Frage: Was passiert, wenn Kund/inn/en Produkte entwickeln?

Ergebnis: Konsument/inn/en sind hervorragende Ideengeber/innen für neue Produkte. Ihre Ideen werden nicht nur als innovativer und benutzerfreundlicher bewertet als die von Designer/inne/n, die Produkte verkaufen sich auch besser. Eine japanische Firma erreichte mit Produkten, die von Konsument/inn/en mitentwickelt wurden, eine Umsatzsteigerung von zehn Millionen Euro. Waren die Produkte als Kund/inn/eninnovationen gekennzeichnet, stiegen die Verkaufszahlen noch weiter an.

Relevanz: Unternehmen sollten das kreative Potenzial ihrer Kund/inn/en nutzen und Anreizsysteme schaffen, damit Konsument/inn/en sich an Produktentwicklungen beteiligen.

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Jesús Crespo Cuaresma

Jesús Crespo Cuaresma ist Vorstand des Instituts für Makroökonomie am Department für Volkswirtschaft.

Frage: Wie beeinflussen volkswirtschaftliche Veränderungen die Bewaldung und das globale Ökosystem?

Für die Beantwortung der Frage, wie sich die Natur abhängig vom Bruttoinlandsprodukt verändert, entwickelte Jesús Crespo Cuaresma gemeinsam mit Fernerkundungsexpert/inn/en und Geolog/inn/en ein einzigartiges Forschungsdesign: Auf Satellitenbildern wurden Ländergrenzen eingezeichnet. In die Studie einbezogen wurden nur jene Gebiete, die innerhalb einer 50-Kilometer-Zone auf beiden Seiten der Grenze gleiche klimatische und geologische Bedingungen aufwiesen.

Ergebnis: Es zeigte sich, dass arme Länder, deren Wirtschaft wächst, ihre Wälder massiv abholzen. Erreichen diese Länder ein gewisses Einkommensniveau, stoppt die Abholzung und der Wald beginnt wieder zu wachsen.

Relevanz: Die Ergebnisse sind vor allem für die Klimaforschung wichtig. Durch die Vorhersage der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts lässt sich der Zustand des Waldes prognostizieren und man kann Aussagen darüber treffen, ob Abholzung ein Problem für den Klimawandel werden könnte.

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Sylvia Frühwirth-Schnatter

Sylvia Frühwirth-Schnatter leitet das Institut für Statistik und Mathematik am Department für Finance, Accounting & Statistics.

Frage: Welche finanziellen Nachteile haben Frauen durch die Karenz?

Anhand ihres neu entwickelten statistischen Modells untersuchte Sylvia Frühwirth-Schnatter, ob Frauen, die die längstmögliche Karenzzeit in Anspruch nehmen, längerfristig finanziellen Schaden erleiden.

Ergebnis: Mütter erfahren generell in den ersten Jahren nach dem beruflichen Wiedereinstieg Einkommenseinbußen. Das Modell zeigt aber auch deutlich, dass Frauen gut einschätzen können, wie lange die Karenz dauern darf, ohne dass sie finanziellen Schaden erleiden: Frauen, die eine längere Karenzzeit beantragten, kamen nach ihrer Rückkehr schnell wieder auf das gleiche Gehaltsniveau wie vor ihrer Karenz. Das erklärt sich daraus, dass diese Frauen vor der Karenz keinen Karriere- oder Gehaltssprung in Aussicht hatten. Frauen, die nur kurz in Karenz waren, hätten bei einer längeren Karenzzeit längerfristige finanzielle Einbußen von 15 Prozent gehabt.

Relevanz: Für viele Frauen ist es aus beruflicher Sicht wichtig, schnell in den Beruf zurückzukehren. Sie brauchen daher ausreichend Kinderbetreuungsplätze und andere Angebote, die Eltern bei der Verbindung von Beruf und Familie unterstützen.

Jan Mendling

Jan Mendling ist Professor am Institute for Information Business des Departments für Informationsverarbeitung und Prozessmanagement.

Frage: Wie nützlich sind RFID-Funketiketten an Kleidungsstücken im Modehandel?

Bei der RFID-Technologie werden kleine Funksender in Etiketten, zum Beispiel von Kleidungsstücken, integriert. Anhand der Signale kann der Weg eines Kleidungsstückes durch das Geschäft verfolgt werden.

Ergebnis: Die Analyse der Daten hilft bei der Optimierung von Abläufen in den Filialen. Exaktere Bestandskontrollen, genaue Informationen darüber, wo sich Produkte in den Geschäftsräumen befinden, schnelles Vorankommen an der Kassa und elektronische Kaufberatung in der Kabine könnten die Zukunft sein.

Relevanz: In vielen Unternehmen sind die neuen Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung von Prozessen ergeben, noch nicht ausgeschöpft. Durch die Analyse digitaler Daten können Abläufe verbessert und Potenziale erkannt werden.

Susanne Kalss

Susanne Kalss ist Professorin für Zivil- und Unternehmensrecht am Department für Unternehmensrecht, Arbeits- und Sozialrecht.

Frage: Wie kann mehr Rechtssicherheit für Familienunternehmen erreicht werden?

Rund 80 Prozent der Unternehmen in Österreich sind Familienbetriebe. Um ihr langfristiges Bestehen sichern zu können, greifen sie neben zahlreichen anderen Instrumenten auf Syndikatsverträge zurück, die Interna wie Anteilsaufteilung, Übergaben oder Gewinnausschüttung regeln.

Ergebnis: Eine gesetzliche Lücke machte es möglich, dass externe Investor/inn/en Anteile eines Familienmitglieds kaufen. Susanne Kalss deckte diese Lücke in ihrer Studie auf und zeigte, dass sie auch durch verschiedene Auslegungen des Gesetzes nicht zu schließen war.

Relevanz: Dem Gesetzgeber wurde empfohlen, den Gesetzestext zu ergänzen, um Familienunternehmen mehr Sicherheit zu geben. Am 1. Juli 2016 trat eine Änderung des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches in Kraft, die die von der WU ausgearbeitete Textergänzung enthält.

Gerhard Speckbacher

Gerhard Speckbacher ist Leiter des Instituts für Unternehmensführung und Vorstand am Department of Strategy and Innovation.

Frage: Wie lässt sich Kreativität lenken?

Neue Ideen und Innovationen sind Kernelemente des Unternehmenserfolgs. Kreativität in Unternehmen erfordert aber fast nie spektakuläre Geistesblitze einzelner Genies. Sie ist Alltagsgeschäft und wird von Teams getragen. Es ist daher eine große Herausforderung für Führungskräfte, ihre Teams so zu steuern, dass sie einerseits kreativ querdenken und andererseits als Gruppe zusammenarbeiten.

Ergebnis: Die Befragung von über 1.000 Personen in Unternehmen verschiedenster Branchen zeigte, dass gerade im Kreativitätsprozess eindeutige Regeln und Normen und klar formulierte Zielsetzungen wichtig sind.

Relevanz: Der Schlüssel zur Förderung von nützlicher Kreativität in Unternehmen liegt nicht in zusätzlichen Freiräumen für die Mitarbeiter/innen. Die Führungskraft muss vielmehr den Raum und die Richtung für die Kreativität festlegen und eine gezielte Entwicklung der Teamfähigkeit unterstützen.

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Manfred M. Fischer

Manfred M. Fischer ist Professor emeritus am Institut für Wirtschaftsgeographie und Geoinformatik des Departments für Sozioökonomie.

Frage: Wie beeinflusst der Raum ökonomische Modelle?

Manfred M. Fischer gilt als Koryphäe der Wirtschaftsgeografie und der Regionalwissenschaft. Er ist Mitbegründer der quantitativen und theoretischen Geografie in Europa.

Ergebnis: Mit seinen Veröffentlichungen könnte man ganze Regale füllen: 40 Bücher, ca. 120 Originalbeiträge in Fachzeitschriften und 130 Beiträge in Sammelwerken und Handbüchern verfasste Manfred M. Fischer im Laufe seiner langen Karriere als Forscher. Seit den 1990er-Jahren wird er deshalb in sämtlichen Rankings als einer der weltweit produktivsten und meistzitierten Forscher/innen der Regionalwissenschaft und der Wirtschaftsgeografie geführt.

Relevanz: Wenn man die Wirtschaft auch räumlich betrachtet, können präzisere ökonomische Modelle entwickelt werden.

Renate Meyer

Renate Meyer leitet das Institute for Organization Studies am Department für Management und gemeinsam mit Verena Madner das Forschungsinstitut für Urban Management und Governance. Zudem ist sie als Gastprofessorin an der Copenhagen Business School tätig.

Frage: Sind neue Managementideen kurzfristige Trends oder langfristige Erfolgskonzepte?

Begriffe wie Shareholder-Value, CSR oder Sustainability sind Labels für Ideen, wie Organisationen gestaltet, geführt und gesteuert werden sollen. Derartige Konzepte des Managements existieren oft nebeneinander und folgen bestimmten Zyklen. Nicht jede Managementidee kann zu jedem Zeitpunkt und an jedem beliebigen Ort „funktionieren“.

Ergebnis: Renate Meyer fand in ihren Studien heraus, welche Managementkonzepte häufig miteinander auftreten und einander verstärken und welche unterschiedlichen Vorstellungen sich oftmals hinter der gleichen Bezeichnung verbergen.

Relevanz: Es ist im Management wichtig, nicht jedem neuen Trend zu folgen, sondern einzelne Ideen und Konzepte in das Gesamtbild zu integrieren und die Wechselwirkungen mit anderen Konzepten zu überprüfen. So wird eine reflektierte Entscheidung über die (Nicht-)Implementierung in das eigene System der Organisationsführung möglich.

Günter K. Stahl

Günter K. Stahl ist Professor für International Management am Institute for International Business des Departments für Welthandel.

Frage: Warum werden Manager/innen korrupt?

Skandale in Großkonzernen wie jener um die gefälschten Abgaswerte im Volkswagen-Konzern werfen immer wieder die Frage auf, warum Führungskräfte in so enormem Ausmaß verantwortungslos agieren und ganze Unternehmen ins Chaos stürzen. Günter K. Stahl und sein Team widmeten sich in ihrem Forschungsprojekt „Responsibility & Leadership“ diesem Thema.

Ergebnis: Nicht nur individuelle Persönlichkeitsmerkmale wie narzisstische Tendenzen sind entscheidend, sondern auch organisationale (zum Beispiel fehlende Diversität und Gruppendruck im Topmanagement), gesellschaftliche (zum Beispiel Mangel an gelebten Werten) und kulturelle Variablen (zum Beispiel Shareholder-Value-Philosophie) spielen eine Rolle.

Relevanz: Topmanager/innen, die Werte wie Integrität, soziale Verantwortung und Sustainability vorleben, und ein diverses Topmanagement-Team, das die Bedürfnisse einer Vielzahl von Stakeholdergruppen kennt und bei strategischen Entscheidungen berücksichtigt, können eine verantwortungsvolle Führungskultur in Unternehmen etablieren.

Wolfgang Lutz

Wolfgang Lutz leitet die Abteilung für Demographie am Department für Sozioökonomie und ist Gründungsdirektor des Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital (IIASA, VID/ÖAW, WU).

Frage: Überalterung und Bevölkerungsexplosion – was ist zu tun?

Während die Bevölkerung in Europa kaum wächst, dafür aber stark altert, ist in Afrika ein fast ungebremstes Wachstum zu beobachten. Wolfgang Lutz und ein internationales Team von Demograf/inn/en untersuchten, welche Faktoren zu einer günstigen Bevölkerungsentwicklung beitragen.

Ergebnis: Als Schlüsselkomponente wurde die Bildung identifiziert. Besser gebildete Frauen in Entwicklungsländern wünschen sich weniger Kinder, setzen sich damit gegen traditionelle Normen durch und leben länger, weil sie eher wissen, was für die Gesundheit zu tun ist. Auch für Europa ist Bildung der Schlüsselfaktor, um der Überalterung der Gesellschaft entgegenzuwirken. Höhere Bildung führt zu höherer Erwerbstätigkeit und Produktivität.

Relevanz: In Afrika muss das Entwicklungsziel Schulbildung für alle jungen Frauen und Männer heißen. Durch Basisbildung und die dadurch verbesserte Gesundheit werden Menschen in die Lage versetzt, sich selbst zu helfen. Ziel für Europa sollte es sein, mehr Menschen eine höhere Bildung zu ermöglichen. In Kombination mit einer vermehrten Teilnahme von Frauen am Arbeitsmarkt und einem höheren Pensionsalter werden damit auch in Zukunft ausreichend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen.

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